Die ersten Bauern wohnten in Gächlingen...

Im ausgehenden 6. Jahrtausend v.Chr., als das schweizerische Mittelland noch von Jägern und Sammlern der mittleren Steinzeit durchstreift wurde, wanderte  eine Gruppe von frühen jungsteinzeitlichen Ackerbauern und Viehzüchtern vom Oberlauf der Donau in Richtung Süden und erreichte schliesslich den Klettgau. Diese fremden Siedler, welche von den Archäologen der sogenannten linearbandkeramischen Kultur zugeordnet werden, errichteten am Westrand des heutigen Gächlingen einen kleinen Weiler aus Wohn- und Wirtschaftsbauten. Während die mittelsteinzeitlichen Jäger der Region noch in einfachen, mobilen Hütten und Zelten wohnten, brachten die fremden Siedler nicht nur die Kenntnis des Hausbaus, sondern auch eine komplette, in ihrer Art völlig neuartige Infrastruktur mit, die eine voll entwickelte bäuerliche Lebensweise erlaubte. Das Getreide für das tägliche Brot pflanzten die Gächlinger Bauern auf den sonnigen, südexponierten Terrassen unweit ihrer Wohnhäuser und die Rinder, Schweine und Schafe, welche nicht nur wegen ihres Fleisches gehalten wurden, sondern auch geschätzte Rohmateriallieferanten für Kleider und Werkzeuge waren, weideten auf den nahen Waldlichtungen. Mensch und Tier wohnten gemeinsam in sogenannten Wohnstallhäusern von beachtlicher Grösse (bis zu 40 Meter), was vor allem im Winter wärmetechnische Vorteile mit sich brachte. Das, was der Mensch zum Überleben brauchte, fand er im Umkreis von maximal einer Tagesreise von der Siedlung weg: Feuerstein für die Herstellung von scharfen Werkzeugen und Waffen am Südranden, grob- und feinkörnige Sandsteine für Mühl- und Schleifsteine im Wutachtal, tonigen Lehm für den Hausbau und für die Erzeugung von Koch- und Essgeschirr im Siedlungsareal selber, gutes Bau- und Brennholz in den umliegenden Wäldern u.s.w.

                Von dieser frühen bäuerlichen Besiedlung Gächlingens um 5100 vor Christus hat leider nur wenig bis in die heutige Zeit überdauert: Lediglich die Abdrücke der gänzlich Hauspfosten sind im gelben Lehm sichtbar. Wertvolle Zeugen des täglichen Lebens sind darüberhinaus die zur Entnahme von Lehm gegrabenen und später mit Siedlungsschutt verfüllten Gruben. Jeder auch nur so kleine Eingriff der damaligen Siedler in den Boden zeichnet sich heute noch als dunkle Spur im gelben Schwemmlehm ab. Leider sind alle organischen Reste, wie Kleidungsstücke, hölzerne Werkzeuge, Knochen- und Geweihgeräte im Lauf der Zeit bakteriellen Zersetzungsvorgängen und der Erosion zum Opfer gefallen. Nur schwer vergängliche Gegenstände wie Bruchstücke von Tongefässen, Feuersteingeräte, Beilklingen und Mühlsteine haben die Jahrtausende überdauert. Sie sind es, welche dem Archäologen erlauben, ein lückenhaftes Bild der damaligen Zeit zu entwerfen und Kontakte zu weit entfernten Gegenden aufzudecken. Heute sind diese einzigartigen Reste des frühen Bauerntums auf Schweizer Boden massiv vom modernen Ackerbau bedroht. Die Archäologen bemühen sich, mittels Rettungsgrabungen die wenigen, übriggebliebenen Spuren für unsere Nachfahren zu sichern, ehe diese letzten Zeugen einer Zeit, als der Mensch zur Sesshaftigkeit überging, endgültig dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen sind.

                                                                                                             Kantonsarchäologie Schaffhausen/Juli 2002

 
Scherben von Gefässen der sogenannten Linearbandkeramik (um 5100 v.Chr.). Steinwerkzeuge aus lokalem Feuerstein: Kratzer (Obere Reihe, mitte und links), Pfeilspitzen (untere Reihe mitte und links) und Messerklinge (rechts).
           Grabungsimpression (Herbst 2001)
Gemeinde Gächlingen. Stand: 23.02.2004